Kapitel 3.
Wer gestaltet Ihr Unternehmen wirklich?

Der Morgen begann mit zwei völlig unterschiedlichen Unternehmen.

Obwohl es ein und dasselbe Unternehmen war.

Michael kam kurz vor acht. Im Büro war es noch still. Anna hatte gerade erst das Licht im Empfang eingeschaltet, die Kaffeemaschine heizte auf, und draußen nahmen die ersten Transporter langsam ihre Plätze vor dem Lager ein.

Auf dem Tisch lagen die Blätter vom Vortag.

Pfeile.

Kreise.

Namen.

Verbindungen.

Reinhard kam mit einer Tasse Kaffee herein.

— Hast du das etwa nicht mit nach Hause genommen?

— Ich hatte Angst, meine Frau würde fragen, warum ich das Schaubild einer fremden Firma im Schlafzimmer brauche.

Reinhard grinste.

Kurz darauf kam Klaus.

— Guten Morgen.

— Morgen.

Er sah auf die Blätter.

— Zeichnen wir schon wieder?

— Heute zeichnet ihr.

— Das klingt schon schlechter.

Michael legte Reinhard ein leeres Blatt hin.

— Zeichne mir das Unternehmen.

Reinhard sah ihn an.

— Wie?

— Wie es aufgebaut ist.

— Ein Organigramm?

— Wenn du willst.

— Und wie wäre es richtig?

— Gar nicht. Mich interessiert, wie du es siehst.

Reinhard setzte sich.

Einige Sekunden lang dachte er nach.

Dann schrieb er seinen eigenen Namen auf.

Darunter — Klaus.

Von Klaus zog er Linien zu den Bauleitern.

Von den Bauleitern — zu den Handwerkern.

Das Büro zeichnete er separat ein.

Anna.

Die Buchhaltung.

Den Einkauf.

Dann fügte er das Lager hinzu.

— Ungefähr so.

Michael drehte das Blatt zu sich.

— Gut.

Er legte Klaus ein zweites Blatt hin.

— Jetzt du.

— Dasselbe?

— Dasselbe Unternehmen.

Klaus nahm den Stift.

Zuerst schrieb auch er Reinhards Namen auf.

Doch fast sofort setzte er seinen eigenen daneben.

Er zog mehrere Linien direkt zu den Bauleitern.

Eine separate zum Lager.

Eine weitere zu Anna.

Dann dachte er kurz nach und fügte die Lieferanten hinzu.

— Die Lieferanten gehören aber nicht zum Unternehmen, — bemerkte Reinhard.

— Aber ohne sie funktioniert die Hälfte der Entscheidungen nicht.

— Dann zeichne auch die Kunden ein.

Klaus überlegte.

Er zeichnete die Kunden ein.

Michael beobachtete schweigend.

Nach ein paar Minuten lagen zwei Schaubilder auf dem Tisch.

Ähnlich.

Aber nicht gleich.

— Und? — fragte Reinhard.

— Interessant.

Klaus lachte.

— Es geht schon wieder los.

— Nein. Ich erkläre es gleich.

Michael legte die beiden Blätter nebeneinander.

— Ihr habt ein Unternehmen. Aber ihr habt gerade zwei unterschiedliche Systeme gezeichnet.

— Das ist doch nicht überraschend, — sagte Reinhard. — Ich habe die Struktur gezeichnet. Er hat angefangen, einfach alles Mögliche einzuzeichnen.

— Möglich.

Michael sah auf Klaus' Zeichnung.

— Oder Klaus hat einen Teil dessen eingezeichnet, was die Arbeit tatsächlich beeinflusst.

Reinhard nahm einen Schluck Kaffee.

— Und wer von uns hat recht?

— Genau das interessiert mich.

Er nahm ein drittes leeres Blatt.

Legte es zwischen die beiden anderen.

— Hier ist vorerst nichts.

— Und?

— Und hier versuchen wir bis heute Abend, das Unternehmen so zu zeichnen, wie es tatsächlich funktioniert.

Klaus sah auf das leere Blatt.

— Und was sind dann die beiden?

Michael zeigte auf Reinhards Zeichnung.

— Das ist die formale Architektur.

Dann auf Klaus' Zeichnung.

— Das ist die Architektur in deiner Vorstellung.

Dann auf das leere Blatt.

— Mich interessiert aber die tatsächliche.

Reinhard lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

— Architektur, Architektur ... Du benutzt dieses Wort ständig. Was genau verstehst du eigentlich darunter?

Das war jetzt die richtige Frage.

Michael dachte kurz nach.

— In der einfachsten Form?

— Möglichst.

— Die Architektur eines Unternehmens beschreibt, wie Rollen, Entscheidungen, Informationen, Verantwortung und Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen des Unternehmens verteilt sind.

Klaus sah auf seine Zeichnung.

Michael fuhr fort:

— Wer entscheiden darf. Wer für das Ergebnis verantwortlich ist. Was er dafür wissen muss. Mit wem er verbunden ist. Was nach seiner Entscheidung geschieht. An wen eine Frage weitergeht, wenn er sie selbst nicht entscheiden kann.

— Also die Organisationsstruktur.

— Nein. Sie ist nur ein Teil der Architektur.

— Und die Prozesse?

— Auch ein Teil.

— Die Programme?

— Ebenfalls.

Reinhard grinste.

— Dann ist Architektur ja einfach alles.

— Nein. Ziegelsteine sind nicht die Architektur eines Hauses. Fenster sind keine Architektur. Rohre auch nicht.

Michael nahm einen Stift.

— Architektur ist, wie all diese Dinge zueinander organisiert sind, damit das Haus seine Funktion erfüllt.

Reinhard sah ihn an.

— Gut. Jetzt wird es verständlicher.

— Und jetzt kommt das Interessanteste.

— Was?

Michael tippte mit dem Finger auf das leere Blatt.

— Ich möchte herausfinden, wer euer Unternehmen tatsächlich entworfen hat.

Die Regel, die es nicht gibt

Vierzig Minuten später waren sie im Lager.

Die morgendliche Ruhe war vorbei.

Die Tore wurden geöffnet.

Jemand schob einen Wagen mit Säcken.

Ein Gabelstapler piepte beim Rückwärtsfahren.

Es roch nach Karton, Holz und Bauchemie.

In der Nähe des Tores stand Markus.

Derselbe, mit dem sie sich gestern bei den Webers beschäftigt hatten.

Neben ihm stand Helmut, der Lagerist.

Zwischen ihnen lagen Kartons auf einer Palette.

— Ich kann dir das nicht geben, — sagte Helmut.

— Warum?

— Ohne Reinhards Bestätigung darf ich nicht.

— Was für eine Bestätigung?

— Die übliche.

— Helmut, ich muss in vierzig Minuten auf der Baustelle sein.

— Ich weiß.

— Dann lad es ein.

— Kann ich nicht.

Markus atmete gereizt aus.

— Klaus!

Klaus kam herüber.

— Was ist?

— Sag es ihm.

— Worum geht's?

Helmut nannte das Material.

Klaus sah ihn an.

— Gib es raus.

Helmut rührte sich nicht.

— Reinhard hat mir gesagt, dass ich ohne ihn nichts herausgeben darf.

Klaus runzelte die Stirn.

— Wann?

— Weiß ich nicht mehr.

— Ich sage dir jetzt: Gib es raus.

— Und danach fragt mich dein Vater, warum ich es schon wieder falsch gemacht habe.

Reinhard, der etwas abseits stand, hörte die letzten Worte.

— Was ist los?

Helmut erklärte es ihm.

Reinhard sah einige Sekunden auf die Palette.

— Habe ich das wirklich gesagt?

— Hast du.

— Wann?

— Nach der Geschichte mit dem Auftrag in Gauting.

Reinhard erinnerte sich.

— Ach ja.

Klaus drehte sich zu ihm.

— Das ist doch zwei Jahre her.

— Kann sein.

— Und jetzt?

Reinhard winkte ab.

— Gib es raus.

Helmut begann, die Kartons zu verladen.

Markus sah auf die Uhr.

— Großartig. Fünfzehn Minuten verloren.

— Dafür wurde das Material nicht gestohlen, — sagte Helmut.

— Sehr witzig.

Markus ging zum Wagen.

Michael sah Reinhard an.

Der bemerkte es.

— Was?

— Nichts.

Klaus lachte.

— Jetzt fängst du schon wieder an.

— Gut.

Michael zeigte auf die Palette, die gerade weggebracht wurde.

— Gerade eben haben wir ein Element der Architektur gesehen.

— Welches?

— Eine Regel.

— Eine alte Regel, — sagte Reinhard.

— Aber sie wirkt heute.

— Jetzt nicht mehr.

— Vor fünfzehn Minuten hat sie noch gewirkt.

Reinhard antwortete nicht.

Michael fuhr fort:

— Irgendwann ist etwas passiert.

— Ein Bauleiter hat teures Material für die falsche Baustelle bestellt, — erinnerte sich Reinhard. — Fast viertausend Euro waren dadurch gebunden.

— Und du hast eine Entscheidung getroffen.

— Ja.

— Die Entscheidung wurde zur Regel.

— Sieht so aus.

— Die Regel wurde nirgends festgehalten.

— Nein.

— Aber Helmut hat sie zwei Jahre lang befolgt.

Klaus grinste.

— Selbst nachdem Vater sie längst vergessen hatte.

— Genau.

Michael sah Reinhard an.

— Deshalb frage ich, wer das Unternehmen entwirft. Manchmal gestaltet eine Führungskraft die Architektur bewusst. Und manchmal ist es ein einziger unangenehmer Vorfall an einem Dienstagnachmittag.

Reinhard lächelte.

— Gut. Punkt für dich.

— Und das muss nicht unbedingt schlecht sein. Vielleicht war die Regel damals richtig.

— War sie.

— Aber die Bedingungen haben sich geändert.

— Ja.

— Die Regel aber ist geblieben.

Michael sah dem Gabelstapler hinterher.

— Ein System kann sich sogar an Dinge erinnern, die die Menschen längst vergessen haben.

Für einen Moment wurde es still.

Klaus sah zu Helmut.

Der kümmerte sich bereits um den nächsten Auftrag.

— Und wie viele solcher Regeln haben wir?

— Das, — sagte Michael, — ist eine wesentlich interessantere Frage.

Die Grenze, die niemand gesehen hatte

Gegen Mittag saß Michael mit Anna im Büro.

Auf dem Tisch lagen mehrere Angebote für Kunden.

Er versuchte herauszufinden, wo die Entscheidungsbefugnis eines Bauleiters endete und wo eine Entscheidung von Klaus oder Reinhard begann.

Die Antwort änderte sich ständig.

— Wenn es um eine Kleinigkeit geht, entscheiden sie selbst, — sagte Anna.

— Was ist eine Kleinigkeit?

— Na ja ...

Sie dachte nach.

— Kommt darauf an.

— Worauf?

— Auf die Baustelle.

— Zum Beispiel?

— Wenn ein Kunde für hundert Euro etwas zusätzlich haben möchte, ruft niemand Reinhard an.

— Und bei fünfhundert?

— Wahrscheinlich schon.

— Und bei dreihundert?

Anna lächelte.

— Michael.

— Was?

— Du versuchst gerade, eine Zahl zu finden, die es nicht gibt.

— Sieht ganz danach aus.

In diesem Moment waren schnelle Schritte im Flur zu hören.

Die Tür ging auf.

Reinhard kam abrupt herein.

— Wo ist Markus?

Anna sah ihn an.

— Bei den Kramers auf der Baustelle.

— Ruf ihn an.

— Was ist passiert?

— Ruf ihn einfach an.

Einige Minuten später kam Markus ins Büro.

Seinem Gesicht war anzusehen: Er wusste bereits, warum er gerufen worden war.

Reinhard stand am Fenster.

— Hast du den Kramers die zusätzliche Trennwand zugesagt?

— Ja.

— Für eintausendachthundert Euro?

— Ja.

— Wer glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du das für mich entscheidest?

Anna senkte den Blick auf ihren Monitor.

Klaus, der hinter Markus hereingekommen war, blieb an der Tür stehen.

Markus spannte sich an.

— Sie konnten nicht warten.

— Was hat das damit zu tun?

— Die Leute waren bereits bei der Arbeit. Wir mussten entweder weitermachen oder die Baustelle stoppen.

— Dann hättest du anrufen müssen.

— Habe ich.

— Mich?

— Klaus.

Reinhard sah seinen Sohn an.

— Ich hatte zwei verpasste Anrufe, — sagte Klaus. — Ich war bei den Bergers.

— Dann rufst du mich an.

— Ich habe im Büro angerufen, — fuhr Markus fort. — Du warst nicht da.

— Und deshalb hast du beschlossen, dass du über das Geld des Unternehmens verfügen kannst?

— Ich habe beschlossen, dass ich vier Leute nicht zwei Stunden lang ohne Arbeit herumsitzen lasse.

— Das hast nicht du zu entscheiden.

Markus presste die Lippen zusammen.

— Wer dann?

— Ich.

— Du warst nicht da.

— Dann wartest du.

— Und was sage ich dem Kunden?

— Dass die Entscheidung von der Geschäftsleitung bestätigt werden muss.

Markus wurde lauter:

— Und was soll ich den Arbeitern sagen? Setzt euch hin, trinkt einen Kaffee, Reinhard ruft irgendwann zurück?

— Jetzt verdreh mir nicht die Worte.

— Ich verdrehe nichts. Ich erkläre dir, wie die Situation auf der Baustelle war.

— Und ich erkläre dir, dass du deine Befugnisse überschritten hast.

— Welche Befugnisse?

Stille.

Reinhard sah ihn an.

— Was?

— Welche Befugnisse genau habe ich überschritten?

— Das weißt du ganz genau.

— Nein. Zeig es mir.

Reinhard machte einen Schritt auf ihn zu.

— Markus, spiel jetzt nicht den Idioten.

— Tue ich nicht.

— Dann benimm dich nicht wie einer.

Im Raum wurde es still.

Völlig still.

Sogar Anna hörte auf zu tippen.

Markus sah Reinhard einige Sekunden lang an.

— Gut.

Er nickte.

— Dann entscheide ich beim nächsten Mal gar nichts.

— Hervorragend.

— Überhaupt nichts.

— Verdreh mir nicht die Worte.

— Der Kunde will eine Steckdose versetzt haben — ich rufe dich an. Ich erreiche dich nicht — der Elektriker hört auf zu arbeiten.

— Markus ...

— Zwei Säcke Kleber fehlen — ich rufe dich an.

— Das habe ich nicht gesagt.

— Was hast du dann gesagt?

Jetzt konnte auch Markus sich nicht mehr zurückhalten.

— Wo ist die Grenze, Reinhard?

— Du arbeitest seit zwölf Jahren hier und weißt ganz genau, wo sie ist!

— Genau das ist es! Seit zwölf Jahren entscheide ich solche Dinge jeden Tag, und heute stellt sich plötzlich heraus, dass ich mich „wie der Chef aufspiele“.

— Weil es heute um eintausendachthundert Euro geht!

— Und wie viel darf ich?

Reinhard schwieg.

— Tausend?

Stille.

— Fünfhundert?

Markus sah ihn direkt an.

— Hundert?

Reinhard wurde wütend.

— Wenn hier jeder anfängt, sich wie der Chef aufzuspielen, kann ich morgen die halbe Firma rausschmeißen!

Markus wurde blass.

Einige Sekunden sagte niemand etwas.

Dann nickte er.

— Dann versucht doch erst einmal, wenigstens eine Woche ohne die Leute auszukommen, die ihr rausschmeißen wollt.

Er drehte sich um.

Die Tür knallte so heftig zu, dass der Kalender an der Wand zitterte.

Stille.

Reinhard atmete schwer aus.

— Jetzt ist er völlig durchgedreht.

Klaus sah zur Tür.

— Er ist wirklich zu weit gegangen.

Michael schwieg.

Reinhard drehte sich zu ihm.

— Fang jetzt bloß nicht an.

— Ich habe nichts gesagt.

— Aber gedacht.

— Natürlich.

— Und?

Michael sah auf die Uhr.

— Jetzt nichts.

Reinhard grinste gereizt.

— Praktisch.

— Nein. Du bist gerade wütend. Markus ist wütend. Klaus ist wütend. Wenn ich jetzt anfange, die Unternehmensarchitektur zu erklären, wirfst du mich auch noch raus.

Klaus lachte unerwartet.

Sogar Reinhard lächelte für einen Moment.

Die Spannung ließ etwas nach.

— Fahrt, — sagte er. — Ihr müsst auf die Baustelle.

Michael stand auf.

An der Tür blieb er stehen.

— Nur eine Sache.

Reinhard sah ihn an.

— Markus hat seine Befugnisse tatsächlich überschritten.

— Siehst du.

— Aber ich habe noch nicht herausgefunden, wo diese Befugnisse enden.

Das Lächeln verschwand.

Michael ging hinaus.

Die Linie auf dem Spielfeld

Die ersten Minuten fuhren sie schweigend.

Klaus hielt das Lenkrad mit beiden Händen.

— Markus ist völlig durchgedreht, — sagte er schließlich.

— Ja.

Klaus drehte den Kopf.

— Ja?

— Schau auf die Straße.

— Nein, ich hatte jetzt einfach einen Vortrag über das System erwartet.

— Markus hat eine finanzielle Entscheidung getroffen, ohne eine bestätigte Entscheidungsbefugnis dafür zu haben. Das ist eine Tatsache.

— Genau.

— Aber es gibt noch eine zweite Tatsache.

— Welche?

— Niemand konnte sagen, wo die Grenze dieser Befugnisse liegt.

Klaus schwieg wieder.

Michael sah aus dem Fenster.

— Stell dir ein Fußballfeld vor.

— Okay.

— Es gibt eine Seitenlinie. Ein Spieler überschreitet sie — der Schiedsrichter unterbricht das Spiel.

— Ja.

— Und jetzt radier die Linie weg.

Klaus verstand, worauf er hinauswollte.

— Die Spieler wissen trotzdem ungefähr, wo das Spielfeld endet.

— Ungefähr.

— Sie sind ja nicht blöd.

— Natürlich nicht. Und jetzt stell dir ein Finale vor. Letzte Minute. Ein Spieler nimmt den Ball dort an, wo seiner Meinung nach das Spielfeld noch weitergeht. Der Schiedsrichter sieht das anders.

Klaus grinste.

— Dann gibt es eine Schlägerei.

— Und beide werden überzeugt sein, dass sie recht haben.

— Aber Markus hätte fragen müssen.

— Einverstanden.

— Wo liegt dann das Problem?

— Darin, dass eine gute Architektur keine Telepathie voraussetzen sollte.

Klaus lächelte.

— Woher hast du den?

— Gerade erfunden.

— Nicht schlecht.

Michael fuhr fort:

— Befugnisse sind kein Privileg. Sie sind ein Teil der Konstruktion. Ein Mensch muss drei Dinge verstehen:

  • was er selbst entscheiden darf,
  • wofür er verantwortlich ist,
  • und wann er eine Entscheidung an die nächsthöhere Ebene weitergeben muss

— Das wissen unsere Leute sowieso.

— Heute haben wir das Gegenteil gesehen.

— Ein einziger Fall.

— Möglich.

Michael drehte sich zu ihm.

— Deshalb sage ich auch nicht, dass ihr ein Problem habt. Ich sage: Es gibt eine Hypothese. Jetzt müssen wir sie überprüfen.

Klaus nickte.

Dieses Wort nahm er inzwischen anders wahr.

— Und wenn sich herausstellt, dass alle anderen es wissen?

— Dann ist das Problem lokal. Markus und Reinhard haben die Grenzen schlecht miteinander abgestimmt.

— Und wenn niemand sie genau kennt?

— Dann haben wir es bereits mit einer Eigenschaft des Systems zu tun.

Einige Sekunden fuhren sie schweigend weiter.

— Weißt du, was mir daran nicht gefällt? — sagte Klaus.

— Was?

— Wenn wir alles festschreiben, entsteht Bürokratie.

— Einverstanden.

Klaus war wieder überrascht.

— Du bist heute irgendwie angenehm unkompliziert.

— Warte ab.

Klaus lachte.

— Ich wusste es.

— Bürokratie beginnt nicht dann, wenn es Regeln gibt. Sie beginnt dann, wenn Regeln um ihrer selbst willen existieren und das Erreichen des Ergebnisses behindern.

— Und die Grenzen der Befugnisse?

— Die können im Gegenteil Freiheit schaffen.

— Wie?

— Wenn Markus genau weiß, dass er bis zu einem bestimmten Betrag und unter bestimmten Bedingungen selbst entscheiden darf, muss er euch nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit anrufen.

Klaus dachte nach.

— Eine Regel kann also nicht nur einschränken, sondern auch befreien.

— Genau. Eine gute Architektur nimmt einem Menschen nicht die Freiheit. Sie macht den Raum klar, innerhalb dessen er frei ist.

Klaus trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad.

— Das wird langsam interessant.

— Danke.

— Nicht dir. Dem Gedanken.

— Ich bin nicht beleidigt.

Die Insel von Thomas

Thomas' Baustelle lag etwa zwanzig Minuten entfernt.

Ein zweistöckiges Haus wurde dort umgebaut.

Im Hof standen drei Transporter, doch die übliche Hektik war nicht zu spüren.

Ein Handwerker schnitt Fliesen.

Ein anderer lud Material aus.

Zwei arbeiteten im Haus.

Thomas stand an einer Wand neben einer kleinen Tafel.

Darauf standen Namen.

Daneben — die Wochentage.

Und einige kurze Notizen.

— Hallo, — sagte er. — Was führt euch her?

— Michael untersucht, warum bei uns alles schlecht läuft, — sagte Klaus.

— Dann seid ihr hier falsch.

— Das sage ich ihm auch.

Thomas lächelte.

— Wollt ihr Kaffee?

— Später.

Michael ging zur Tafel.

— Ist das deine?

— Ja.

— Was steht hier?

— Wer was macht.

— Und das?

— Was geliefert werden soll.

— Das Rote?

— Dinge, ohne die die nächste Arbeit nicht beginnen kann.

— Und die Kreuze?

— Entscheidungen des Kunden, die noch nicht bestätigt sind.

Michael sah Klaus an.

Der lächelte bereits.

— Na?

— Was heißt „na“?

— Wo ist hier deine schlechte Architektur?

— Bisher sehe ich keine.

Klaus genoss den Moment sichtlich.

— Siehst du.

Michael wandte sich Thomas zu.

— Arbeitest du immer so?

— Seit ungefähr drei Jahren.

— Warum hast du damit angefangen?

Thomas zuckte mit den Schultern.

— Ich hatte die Nase voll.

— Wovon genau?

— Morgens fragt jeder dasselbe. Wer wohin muss. Was angekommen ist. Was fehlt. Dann sagt der Kunde einem etwas, der andere weiß nichts davon. Am Ende beantworte ich den ganzen Tag Fragen.

— Und dann hast du die Tafel gemacht?

— Erst war es ein Blatt Papier.

— Und dann?

— Das Blatt ging verloren.

Klaus lachte.

— Deshalb die Tafel.

— Deshalb die Tafel.

Michael fuhr fort:

— Was passiert morgens?

— Um sieben treffen wir uns hier für etwa zehn Minuten. Wir gehen den Tag kurz durch. Wer was macht. Was sich geändert hat. Wo Abhängigkeiten bestehen.

— Abhängigkeiten?

— Ja. Zum Beispiel: Der Installateur ist nicht fertig — dann geht der Fliesenleger dort nicht rein. Oder das Material ist abends nicht angekommen — dann stellen wir morgens die Arbeit um.

— Wer hat sich das ausgedacht?

— Ich.

— Weiß Reinhard davon?

Thomas dachte nach.

— Wahrscheinlich.

Klaus lachte.

— Großartig.

— Was?

— Nichts.

Michael sah noch einmal auf die Tafel.

— Und wenn ein Kunde eine Änderung möchte?

— Kommt darauf an.

— Sagen wir, eine Zusatzarbeit für tausend Euro.

Thomas sah ihn an.

— Zuerst rufe ich Klaus an.

— Und wenn er nicht antwortet?

— Reinhard.

— Und wenn beide nicht antworten?

— Kommt auf die Arbeit an.

— Hast du eine Grenze?

Thomas dachte nach.

— Formal?

— Ja.

— Nein.

— Und informell?

— Ungefähr weiß ich es.

Klaus sah Michael an.

Der sagte nichts.

Thomas fuhr fort:

— Wenn die Entscheidung rückgängig gemacht werden kann und keine hohen Kosten verursacht, entscheide ich. Wenn eine spätere Korrektur teuer wäre, warte ich.

Michael nickte.

— Das ist bereits eine Regel.

— Welche?

— Die, die du gerade formuliert hast.

Thomas zuckte mit den Schultern.

— Kann sein.

Sie gingen durch die Baustelle.

Überall war es erstaunlich ruhig.

Nicht perfekt.

In einem Raum fehlte Material.

Im ersten Stock hatte der Elektriker einen Fehler entdeckt.

Der Kunde hatte eine Änderung geschickt.

Aber die Probleme vermittelten kein Gefühl von Chaos.

Sie fügten sich in eine verständliche Ordnung ein.

Beim Hinausgehen fragte Klaus wieder:

— Na?

Michael sah auf das Haus.

— Hier gibt es eine gute Architektur.

Klaus blieb stehen.

— Ernsthaft?

— Ja.

— Aber Vater hat sie nicht geschaffen.

— Genau.

Klaus hörte auf zu lächeln.

Michael fuhr fort:

— Thomas hat selbst ein kleines System innerhalb des großen aufgebaut.

— Und was ist daran schlecht?

— Bisher nichts.

— Und?

— Stell dir einen Archipel vor.

— Inseln?

— Ja. Auf einer Insel gibt es gute Straßen. Auf einer anderen eigene Gesetze. Auf der dritten schreibt überhaupt niemand etwas auf. Jede Insel kann für sich ganz gut funktionieren.

— Aber?

— Aber wenn Menschen, Material, Informationen und Geld ständig zwischen ihnen bewegt werden müssen, entstehen Kompatibilitätsprobleme.

Klaus sah zurück zum Haus.

— Tatsächlich macht es jeder Bauleiter ein bisschen anders.

— Das ist schon interessanter.

— Willst du alle dazu zwingen, gleich zu arbeiten?

— Nein.

Michael antwortete sofort.

— Das wäre das andere Extrem.

— Was dann?

— Herausfinden, was für das gesamte System gemeinsam sein muss, und den Menschen dort Freiheit lassen, wo Unterschiede sinnvoll sind.

Klaus dachte nach.

— Zum Beispiel?

— Gemeinsam könnten die Grenzen der Befugnisse sein, Regeln für die Weitergabe kritischer Informationen und die grundlegenden Zustände einer Baustelle. Wie Thomas seine zehn Minuten am Morgen gestaltet, kann dagegen durchaus seine Sache sein.

— Also nicht alles standardisieren.

— Standardisierung nur um der Einheitlichkeit willen ist Unsinn. Ein Standard ist dort nötig, wo das Fehlen einer gemeinsamen Regel die Verbindungen zwischen den Teilen des Systems zerstört.

Klaus sah wieder auf die Tafel.

— Das Ding würde ich ihm klauen.

— Das kannst du tatsächlich.

„Ich bin zu weit gegangen“

Als sie zurückkamen, stand Reinhards Wagen nicht vor dem Büro.

— Wo ist Vater? — fragte Klaus Anna.

Sie deutete in Richtung Tor.

— Vor etwa zwanzig Minuten weggefahren.

— Wohin?

— Zu Markus.

Klaus sah Michael an.

Der zuckte mit den Schultern.

Sie fanden die beiden bei den Kramers.

Markus stand neben dem offenen Transporter und sortierte Werkzeug.

Reinhard stand daneben.

Michael und Klaus blieben etwas entfernt stehen.

— Markus, — sagte Reinhard.

— Ja.

— Heute Morgen bin ich zu weit gegangen.

Markus sortierte weiter Werkzeug ein.

— Gut.

— Nein.

Reinhard schwieg einen Moment.

— Nicht „gut“. Ich entschuldige mich.

Markus hielt inne.

Er sah ihn an.

Reinhard fuhr fort:

— Die Entscheidung über eintausendachthundert Euro hättest du trotzdem nicht allein treffen sollen.

Markus grinste leicht.

— Habe ich verstanden.

— Aber ich hätte dich auch nicht vor allen anschreien und Idiot nennen dürfen.

Pause.

— Vor allem nicht nach zwölf Jahren Arbeit hier.

Markus nickte.

— In Ordnung.

— Und mit den Grenzen hast du ebenfalls recht.

Jetzt war Markus wirklich überrascht.

— Was?

— Wir selbst können nicht einmal genau sagen, wo sie liegen.

Reinhard sah ihn an.

— Wir klären das.

— Gut.

— Aber bis dahin fang bitte nicht an, dein eigenes Imperium aufzubauen.

Markus grinste.

— Ich habe mir schon einen Namen dafür ausgedacht.

Reinhard lachte.

Die Spannung war nicht vollständig verschwunden.

Aber ausreichend.

Klaus sagte leise:

— Er entschuldigt sich selten.

Michael sah ihn an.

— Deshalb bedeutet es etwas.

Sie gingen nicht zu ihnen hin.

Das Unternehmen, das auf keinem Schaubild existiert

Am Abend hingen drei große Blätter an der Wand.

Das erste — Reinhards Schaubild.

Ordentlich.

Verständlich.

Fast klassisch.

Das zweite — Klaus' Schaubild.

Komplexer.

Mit Lieferanten, Kunden und zusätzlichen Verbindungen.

Das dritte hatten sie den ganzen Tag über ausgefüllt.

Es sah von allen am schlimmsten aus.

Die Pfeile kreuzten sich.

Neben einigen standen Fragezeichen.

Neben den Namen waren kurze Notizen aufgetaucht:

  • „entscheidet selbst“
  • „fragt Klaus“
  • „abhängig von der Summe“
  • „Regel nicht dokumentiert“
  • „eigene Tafel“
  • „über Anna“
  • „aus dem Gedächtnis“
  • „seit dem Vorfall in Gauting“

Reinhard sah lange darauf.

— Das sieht schrecklich aus.

— Nicht unbedingt, — sagte Michael.

— Dein Ernst?

— Ein U-Bahn-Plan sieht auch schrecklich aus, wenn man nicht versteht, wofür er da ist.

Klaus setzte sich auf die Tischkante.

— Aber das hier ist wesentlich beängstigender als das erste.

Michael ging zur Wand.

— Weil das erste die Positionen zeigt.

Er zeigte auf das dritte.

— Dieses hier beginnt dagegen, die Mechanik des Unternehmens zu zeigen.

Reinhard sah darauf.

— Das habe ich nicht entworfen.

Michael drehte sich zu ihm.

— Das ist wahrscheinlich die wichtigste Erkenntnis des heutigen Tages.

— Wer dann?

— Jeder ein bisschen.

Er zeigte auf einen Teil.

— Du.

Auf einen anderen.

— Klaus.

Etwas weiter unten.

— Thomas.

— Markus.

— Helmut.

— Anna.

Dann fuhr er mit der Hand über das gesamte Schaubild.

— Kunden. Lieferanten. Alte Fehler. Dringende Entscheidungen. Menschen, die hier längst nicht mehr arbeiten. Sogar Zufälle.

Reinhard schwieg.

Michael nahm einen Marker.

— Eine Sache muss man verstehen.

Auf eine freie Stelle der Tafel schrieb er:

ARCHITEKTUR ENTSTEHT IMMER.

— Es gibt kein Unternehmen ohne Architektur.

Klaus sah auf den Satz.

— Selbst wenn niemand sie gebaut hat?

— Gerade dann wird sie besonders interessant.

Michael fuhr fort:

— Wenn eine Führungskraft das Unternehmen nicht bewusst gestaltet, bedeutet das nicht, dass es ohne Struktur bleibt. Dann beginnen einfach die Umstände, es zu gestalten.

Darunter schrieb er:

ENTSCHEIDUNG → WIEDERHOLUNG → GEWOHNHEIT → REGEL

— Die Geschichte im Lager. Irgendwann ist ein Fehler passiert. Reinhard hat eine Entscheidung getroffen. Die Entscheidung wurde wiederholt. Schließlich wurde daraus eine Regel.

— Die ich selbst vergessen hatte, — sagte Reinhard.

— Ja.

Die nächste Zeile:

PROBLEM → LOKALE LÖSUNG → LOKALES SYSTEM

— Thomas hatte das Chaos satt und stellte eine Tafel auf. Dann führte er die morgendliche Besprechung ein. Danach entstanden seine eigenen Regeln.

Klaus nickte.

— Und die anderen Bauleiter könnten ihre eigenen haben.

— Fast mit Sicherheit.

— Ist das schlecht?

— An sich nicht.

Michael legte den Marker weg.

— Ein lebendes System passt sich immer an. Menschen sehen ein Problem und finden eine Lösung. Das ist normal. Mehr noch: Ohne das könnte sich ein Unternehmen überhaupt nicht entwickeln.

— Wo liegt dann das Problem? — fragte Reinhard.

— Wenn lokale Lösungen anfangen, einander oder den Zielen des gesamten Systems zu widersprechen.

Er ging wieder zur Tafel.

— Stell dir einen Organismus vor.

Klaus grinste.

— Es geht los.

— Heute gibt es einen Organismus.

Reinhard lächelte.

— Mach weiter.

— Das Herz arbeitet auf seine Weise. Die Leber auf ihre. Die Lunge erfüllt eine völlig andere Funktion. Niemand versucht, sie dazu zu zwingen, dasselbe zu tun.

— Logisch.

— Aber sie sind aufeinander abgestimmt.

Michael verband einige Elemente auf dem Schaubild miteinander.

— Das Blut bewegt sich durch ein gemeinsames System. Nervensignale werden über ein gemeinsames System übertragen. Veränderungen in einem Teil werden von anderen berücksichtigt.

Er drehte sich zu ihnen.

— Ein reifes Unternehmen sollte nicht aus identischen Teilen bestehen. Es sollte aus unterschiedlichen, aber aufeinander abgestimmten Teilen bestehen.

Reinhard dachte nach.

— Thomas kann seine Tafel also behalten.

— Wenn sie seinem Bereich hilft, seine Funktion zu erfüllen, und anderen keine Probleme verursacht — warum nicht?

— Und wenn sich jeder seine eigene ausdenkt?

— Dann muss man bestimmen, wo die Freiheit eines einzelnen Teils endet und wo die notwendige Abstimmung mit dem Ganzen beginnt.

Klaus sah Michael an.

— Wie bei Markus' Befugnissen.

— Genau.

Michael nahm ein neues Blatt.

— Und genau hier beginnt der architektonische Ansatz in der Unternehmensführung.

Er schrieb zwei Wörter:

FÜHRUNGSKRAFT — ENTSCHEIDET

Darunter:

ARCHITEKT — SCHAFFT BEDINGUNGEN

Reinhard runzelte die Stirn.

— Eine Führungskraft soll also nicht entscheiden?

— Doch. Die Frage ist nur: welche Entscheidungen.

Michael setzte sich ihnen gegenüber.

— Wenn eine Führungskraft jeden Tag Dutzende gleichartige operative Entscheidungen trifft, kann sie eine sehr gute Führungskraft sein. Das System bleibt dabei aber von ihr abhängig.

Klaus sah seinen Vater an.

Reinhard bemerkte es.

— Fang bloß nicht an.

— Ich habe nichts gesagt.

Michael lächelte.

— Stell dir eine gut funktionierende Stadt vor.

— Okay.

— Der Bürgermeister steht nicht an jeder Kreuzung und sagt jedem Auto, wann es fahren soll.

— Hoffentlich.

— Aber jemand hat die Straßen, die Schilder, die Ampeln, die Verkehrsregeln und die Zuständigkeitsbereiche der einzelnen Dienste entworfen.

Reinhard nickte.

— Und wenn das System gut gestaltet ist, treffen Tausende Menschen jeden Tag ihre eigenen Entscheidungen, ohne den Bürgermeister anzurufen.

— Genau.

Michael zeigte auf das Schaubild des Unternehmens.

— Darauf will ich hinaus. Die Aufgabe einer reifen Führungskraft verändert sich allmählich. Je größer das Unternehmen wird, desto weniger sollte ihr wesentlicher Wert darin liegen, jedes Problem persönlich lösen zu können.

— Worin dann?

— In der Fähigkeit, eine Umgebung zu schaffen, in der andere Menschen richtige Entscheidungen treffen können, ohne dass sie ständig eingreifen muss.

Stille.

Reinhard sah auf das dritte Blatt.

— Klingt schön.

— Und jetzt kommt der unangenehme Teil.

— Darauf habe ich gewartet.

— Das bedeutet, dass eine der besten Möglichkeiten, die Qualität von Führung zu überprüfen, darin besteht, zu beobachten, was passiert, wenn die Führungskraft nicht da ist.

Klaus grinste.

— Wir schicken ihn einen Monat in Urlaub.

— Sehr witzig.

— Ich meine es ernst, — sagte Michael. — Wenn ein System ohne eine bestimmte Person zum Stillstand kommt, sagt das nicht nur etwas über den Wert dieser Person aus.

Er machte eine Pause.

— Es zeigt die Abhängigkeit des Systems.

Reinhard hörte auf zu lächeln.

— Und du meinst, hier hängt alles von mir ab?

— Nein.

Die Antwort war ruhig.

— Ich meine, dass wir heute einige solcher Abhängigkeiten gesehen haben. Aber es ist noch zu früh, daraus Schlussfolgerungen über das gesamte Unternehmen zu ziehen.

— Gut.

— Und wir haben auch das Gegenteil gesehen.

— Was?

— Thomas.

Klaus nickte.

— Sein System funktioniert fast ohne uns.

— Genau.

Michael ging wieder zur Tafel.

— Architektur bedeutet also nicht, alles zentralisieren zu wollen.

Er schrieb:

NICHT ALLES KONTROLLIEREN.

Darunter:

NICHT ALLES LAUFEN LASSEN.

Und dazwischen:

DIE TEILE AUFEINANDER ABSTIMMEN.

— Das ist meiner Ansicht nach eine der wichtigsten Aufgaben.

Reinhard sah eine Weile auf die drei Zeilen.

— Das Unternehmen ist also einfach aus dem herausgewachsen, was wir irgendwann einmal gebaut haben?

Michael dachte nach.

— Ich würde es etwas anders formulieren.

Er sah auf das erste Schaubild.

— Ihr habt ein System aufgebaut, das gut zu einem Unternehmen einer bestimmten Größe und einer bestimmten Entwicklungsphase gepasst hat.

Dann sah er auf das dritte.

— Das Unternehmen hat sich verändert. Es gibt mehr Menschen. Mehr Baustellen. Mehr Verbindungen. Mehr Entscheidungen. Aber ein Teil der Architektur ist gleich geblieben.

— Wie diese Straße aus dem Dorf, — sagte Klaus.

Michael sah ihn an.

— Genau.

Reinhard wandte den Blick zu seinem Sohn.

— Was für eine Straße?

— Dauert zu lange, das zu erklären.

— Jetzt spricht er schon selbst in Analogien, — sagte Michael.

— Angesteckt.

Klaus lächelte.

Doch Reinhard wurde wieder ernst.

— Gut.

Er stand auf und ging zum Schaubild.

Einige Sekunden betrachtete er es.

— Nehmen wir an, wir haben verstanden, dass das Unternehmen in Wirklichkeit so aufgebaut ist.

Er zeigte auf das dritte Blatt.

— Wie finden wir heraus, wie es aufgebaut sein sollte?

Michael antwortete nicht sofort.

Doch diesmal wirkte die Pause nicht rätselhaft.

Er dachte tatsächlich über die Frage nach.

— Dafür müssen wir noch einen Schritt weitergehen.

— Welchen?

— Bisher haben wir hauptsächlich nach innen geschaut.

— Und?

— Man kann eine Architektur aber nicht entwerfen, ohne zu verstehen, wofür das System existiert und was es leisten können muss.

Reinhard runzelte die Stirn.

— Geld verdienen.

— Natürlich.

— Was denn sonst?

Michael sah ihn an.

— Genau das müssen wir herausfinden.

Klaus grinste.

— Schon wieder?

— Nein. Ich kann dir schon jetzt ein Dutzend schöne Ziele nennen: Gewinn, Qualität, Geschwindigkeit, Kunden, Mitarbeiter, Stabilität.

Er schüttelte den Kopf.

— Aber das wären meine Antworten. Nicht die Antworten eures Unternehmens.

Reinhard dachte nach.

Michael fuhr fort:

— Ein Architekt beginnt den Entwurf eines Hauses nicht mit der Frage, wo er eine Wand hinstellt.

Er nahm ein leeres Blatt.

— Zuerst fragt er: Wer wird hier leben und wozu wird dieses Haus gebraucht?

Er legte das Blatt neben die drei Schaubilder.

Völlig leer.

— Erst dann entscheidet er, welche Wände überhaupt nötig sind.

Draußen wurde es langsam dunkel.

Auf dem Parkplatz standen nur noch wenige Autos.

Im Flur schaltete Anna das Licht aus.

Reinhard sah noch immer auf das leere Blatt.

— Morgen finden wir also heraus, warum mein Unternehmen überhaupt existiert?

Michael lächelte.

— Ich fürchte, die Frage wird etwas schwieriger sein.

— Welche?

Michael sah auf das Schaubild, an dem sie den ganzen Tag gearbeitet hatten.

Wie muss das Unternehmen werden, damit es seinen Zweck erfüllen kann, ohne dass die Menschen darin ständig Heldentaten vollbringen müssen?

Reinhard antwortete nicht.

Klaus ebenfalls nicht.

An der Wand vor ihnen hingen drei Bilder desselben Unternehmens.

Das, das Reinhard einst aufgebaut hatte.

Das, das Klaus sah.

Und das, das von selbst entstanden war.

Daneben lag ein viertes Blatt.

Leer.

Darauf befand sich noch keine einzige Linie.

Denn zum ersten Mal sollten sie nicht die Architektur der Vergangenheit entdecken.

Sondern die Architektur der Zukunft entwerfen.